Titelstory im Fachmagazin Schaltschrankbau (Februar 2026)
Vom Stromlaufplan zum fertigen Schaltschrank
Wie KI den Schaltschrankbau neu strukturiert
Der Schaltschrankbau zählt zu den anspruchsvollsten Disziplinen der Elektrokonstruktion. Planung, Layout, Verdrahtung, Beschriftung und Dokumentation greifen eng ineinander. Hinzu kommt die Erstellung von Fertigungsdaten für Drähte, Drahtsätze, Montageplatten und Gehäuse. In der Praxis werden diese Schritte jedoch häufig in getrennten Arbeitsschritten bearbeitet – teils mit unterschiedlichen Werkzeugen, teils manuell. Medienbrüche, redundante Dateneingaben und individuelle Auslegungen erhöhen den Zeitaufwand und machen den Prozess fehleranfällig.
Mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz entsteht erstmals die Möglichkeit, diese Prozesskette systematisch zusammenzuführen. Ziel ist dabei nicht die vollständige Automatisierung der Elektrokonstruktion, sondern eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen Software und Ingenieurwissen. Wiederkehrende Routineaufgaben werden automatisiert, während der Konstrukteur die Kontrolle über Struktur, Qualität und Bewertung behält. Der KI-generierte Schaltschrank steht damit exemplarisch für einen Paradigmenwechsel: weg von isolierten Einzelschritten, hin zu einem durchgängigen, datengetriebenen Workflow.
Der digitale Stromlaufplan als Ausgangspunkt
Ausgangspunkt des KI-gestützten Workflows ist ein digitaler Stromlaufplan. Er bildet die logische Struktur einer Anlage ab und enthält alle relevanten Informationen zu Komponenten, elektrischen Verbindungen und funktionalen Zusammenhängen. Anders als bei klassischen CAE-Ansätzen endet diese Information jedoch nicht beim Plan. Die KI analysiert den Stromlaufplan als Gesamtsystem. Sie setzt Bauteile, Verbindungen und Funktionen zueinander in Beziehung und erkennt Strukturen, Wiederholungen und typische Muster. Auf dieser Basis wird das logische Schaltbild in ein physisches Schaltschranklayout überführt.
Das dafür notwendige Wissen stammt aus der im System hinterlegten Engineering-Logik sowie aus bestehenden Projektdaten. Dabei berücksichtigt die KI nicht nur den Platzbedarf einzelner Komponenten, sondern auch typische Anordnungsprinzipien, Verdrahtungsbeziehungen, thermische Anforderungen sowie montage- und wartungsrelevante Aspekte. Funktionen werden logisch gruppiert, Wege für die Verdrahtung optimiert und der verfügbare Bauraum effizient genutzt. Innerhalb kurzer Zeit entsteht so ein konsistentes Schaltschranklayout, das als belastbare Grundlage für die weitere Planung dient. Nachgelagert entstehen alle notwendigen Fertigungsunterlagen. Dazu zählen Klemmenpläne, Materiallisten sowie Fertigungsdaten für Drähte, Drahtsätze, Montageplatten und Gehäuse. Diese Daten können direkt an NC-Maschinen übertragen werden und bilden die Grundlage für eine weitgehende automatisierte Fertigung.
Bestehende Dokumente intelligent integrieren
Ein weiterer Baustein des KI-gestützten Ansatzes ist die Integration vorhandener Unterlagen. Eingescannte Papierpläne, PDF- oder DWG-Dokumente lassen sich in digitale Stromlaufpläne überführen. Die KI unterstützt dabei, Strukturen zu erkennen und Inhalte in eine logisch verknüpfte Form zu bringen. Das Ergebnis sind intelligente Dokumente mit Querverweisen und Navigationsstrukturen. Diese Informationen werden Teil eines zentralen Modells, das als digitaler Zwilling des Schaltschranks fungiert. Er enthält alle relevanten geometrischen, funktionalen und dokumentarischen Informationen und begleitet den Schaltschrank über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg – von der Planung über die Fertigung bis zur Instandhaltung.
Neue Funktionen in ELECTRIX AI 2026
Mit der Version ELECTRIX AI 2026 erweitert WSCAD diesen Ansatz um zahlreiche neue KI-gestützte Funktionen, die gezielt auf den Engineering-Alltag ausgerichtet sind. So lassen sich Pfadmakros mehrfach platzieren, indem der Konstrukteur dem AI-Copiloten beispielsweise vorgibt, ein bestimmtes Makro mehrfach einzufügen. Die Software setzt diese Anweisung korrekt im Schaltplan um. Ebenso können Artikel direkt über den AI Copilot aus der Online-Bibliothek geladen und unmittelbar platziert werden. Aufwändige Such- und Importprozesse entfallen. Neu ist auch der Bereich ‚AI-Wissen‘. Hier können unternehmensspezifische Dokumente wie Kundenrichtlinien, Herstellerfreigaben oder Vorgaben zur Klemmenbezeichnung hinterlegt werden. Der AI Copilot greift auf dieses Wissen zu und liefert auf Anfrage innerhalb weniger Sekunden die passende Information. Das mühsame Durchsuchen von Ordnerstrukturen oder PDF-Dokumenten wird damit überflüssig.
Bild 2: Artikel werden in ELECTRIX AI 2026 direkt aus der Online-Bibliothek wscaduniverse.com geladen: Artikel dem AI Copilot geben (1), dieser sucht und lädt (2) und platziert den Artikel nebst Artikeldaten sofort korrekt (3).
KI-gestützte Schaltschrankaufbauten
Einen weiteren Entwicklungsschritt markieren KI-basierte Schaltschrankaufbauten. In einem ersten Schritt fokussiert sich die Software auf monotone Routinearbeiten. Sie ist darauf trainiert, Ähnlichkeiten zu erkennen und aus dem Stromlaufplan verschiedene Aufbauvarianten abzuleiten. Der Konstrukteur wählt einen Vorschlag aus, woraufhin der automatische Aufbau des Schaltschranks beginnt. Das Ergebnis wird anschließend vom Konstrukteur geprüft und bei Bedarf angepasst. In einem testbeispiel wurde ein bestehender Schaltschrankaufbau innerhalb weniger Minuten aus dem Stromlaufplan reproduziert. Bis auf geringfügige Abweichungen war der KI-generierte Aufbau nahezu identisch mit dem Original. Nach Abschluss der Prüfung stehen alle nachgelagerten Funktionen wie Klemmenpläne, Materiallisten und Fertigungsdaten zur Verfügung.
Die Rolle des Elektrokonstrukteurs im KI-gestützten Prozess
Mit der zunehmenden Automatisierung einzelner Planungsschritte verändert sich auch die Rolle des Elektrokonstrukteurs. Statt manuell wiederkehrende Aufgaben auszuführen, rückt seine Funktion stärker in Richtung Steuerung, Bewertung und Qualitätssicherung. Die KI liefert Vorschläge, Varianten und automatisierte Ableitungen – die Entscheidung muss der Mensch treffen. Gerade im Schaltschrankbau ist diese Kombination entscheidend. Normen, kundenspezifische Vorgaben, betriebliche Erfahrungen oder auch Aspekte der Wartungsfreundlichkeit lassen sich nicht vollständig formalisieren. Der Konstrukteur prüft KI-generierte Ergebnisse, nimmt gezielte Anpassungen vor und stellt sicher, dass technische, normative und wirtschaftliche Anforderungen eingehalten werden. Die Software wird damit zum Assistenzsystem, das Zeit spart und Fehler reduziert, ohne das Engineering-Knowhow zu ersetzen. Eine zentrale Voraussetzung dafür ist eine durchgängige Datenbasis. Alle Informationen – vom Stromlaufplan über das Schaltschranklayout bis hin zu Fertigungs- und Dokumentationsdaten – greifen auf dieselben Projektinformationen zu. Änderungen werden konsistent übernommen und stehen allen Disziplinen unmittelbar zur Verfügung. Medienbrüche und redundante Datenhaltung entfallen. Dieser Ansatz verbindet die klassischen Bereiche der Elektrokonstruktion auf einer gemeinsamen Plattform: Elektrotechnik, Fluidtechnik, Pneumatik, Gebäudeautomation, Schaltschrankbau und elektrische Installation. Die Integration von KI erfolgt dabei nicht isoliert, sondern entlang dieser durchgängigen Struktur. Genau darin liegt der Unterschied zu punktuellen Automatisierungslösungen – und die Grundlage für skalierbare, praxisnahe KI-Anwendungen im Engineering.
Mehrsprachige Dokumentation per KI
Eine weitere neue KI-Funktion ist die automatische Übersetzung von Texten – bis hin zur vollständigen Projektdokumentation. Der Anwender gibt die gewünschte Zielsprache an, woraufhin die Software die Inhalte automatisch übersetzt und dabei gängige Fachterminologie berücksichtigt. Was früher mit externen Übersetzungsbüros verbunden war und Stunden oder Tage in Anspruch nahm, lässt sich nun in wenigen Minuten erledigen.
Neuerungen in der Building Automation
Passend zur Light + Building wurden auch Funktionen im Bereich Building Automation erweitert. Anwender können nun weitere gültige Normen inklusive der zugehörigen Funktionslisten individuell aufnehmen, abbilden und projektbezogen nutzen. Damit lässt sich die Software flexibel an unterschiedliche regulatorische Anforderungen und Einsatzszenarien anpassen und bleibt offen für verschiedene Anwendungsbereiche innerhalb der Gebäudeautomation.
Fazit
KI als strukturierender Faktor Der KI-gestützter Schaltschrankbau steht nicht für den Ersatz des Elektrokonstrukteurs, sondern für eine neue Arbeitsteilung. Die Software übernimmt strukturierte, datenintensive Aufgaben und sorgt für Konsistenz über alle Prozessschritte hinweg. Der Konstrukteur behält die Verantwortung für Auslegung, Bewertung und Qualität. Entscheidend ist dabei die durchgängige Datenbasis. Sie verbindet die verschiedenen Disziplinen der Elektrokonstruktion und schafft die Voraussetzung dafür, dass KI ihre Stärken ausspielen kann. Damit wird der Schaltschrankbau nicht nur effizienter, sondern auch robuster gegenüber Fachkräftemangel und steigender Komplexität.
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