Interview mit WSCAD CEO Dr. Axel Zein für das Elektronik Praxis Magazin (Dezember 2025)
Autor: (Redakteur ELEKTRONIKPRAXIS / Vogel Communications Group)
WSCAD lässt seine E-CAD-Software per KI gleich ganze Schaltschränke bauen: Das KI-Modell plant Montageplatten, Hutschienen und Geräte. Interessanterweise bleiben viele Wettbewerber hier passiv. Im Interview erklärt Geschäftsführer Dr. Axel Zein, was sich für Elektrokonstrukteure ändert.
Das E-CAD-System von WSCAD unterstützt Elektrokonstrukteure bei Planung und Dokumentation von Maschinen und Anlagen. Auf der SPS zeigt das Unternehmen eine neue KI-Generation, die aus einem Schaltplan automatisch einen kompletten Schaltschrankentwurf erzeugt. Dr. Axel Zein, Geschäftsführer von WSCAD, spricht im Interview mit ELEKTRONIKPRAXIS auf der SPS über sein lokales KI-Modell ohne Cloud, den PDF-Import als Schaltplan und darüber, warum die Rolle des Konstrukteurs dadurch eher aufgewertet als überflüssig wird.
Dr. Axel Zein, Geschäftsführer von WSCAD: Im Interview erläutert er auf der SPS, wie lokale KI-Modelle aus Schaltplänen automatisch komplette Schaltschrankentwürfe erzeugen. (Bild: mc/VCG)
Auf Ihrem Stand fällt sofort der KI-generierte Schaltschrankbau ins Auge. Was genau zeigen Sie da und wie weit sind Sie damit?
A. Zein: Wir haben im vergangenen Jahr als erster Anbieter weltweit eine E-CAD-Lösung mit integrierter KI vorgestellt – und zeigen auf der SPS bereits Generation zwei. Mich überrascht, dass der Markt viel über KI spricht, aber nur wenig wirklich produktiv anbietet. Unsere Anwender – klassische Elektrokonstrukteure im Maschinenbau – profitieren bereits praktisch von Automatisierungsschritten, die den vollständigen Schaltschrankentwurf umfassen: Komponenten erkennen, Montageplatten wählen, Hutschienen setzen, Geräte platzieren und vieles mehr.
Diese Abläufe werden durch unsere eigenen Modelle automatisiert. Die KI analysiert den Schaltplan, interpretiert die technischen Inhalte und erzeugt daraus den Schaltschrankentwurf – inklusive Lernfähigkeit aus Kundenprojekten. Das reduziert Komplexität und repetitive Arbeit enorm.
Sie sprechen von einem eigenem KI-Modell. Heißt das, Sie setzen nicht auf ChatGPT, Gemini & Co.?
A. Zein: Korrekt. Im Engineering gelten strikte Normen und eindeutig definierte Regeln. „Ungefähr richtig“ reicht nicht aus. Für die automatische Schaltschrankplanung benötigen wir ein vollständig kontrollierbares Modell – sonst besteht das Risiko, dass externe Vorgaben oder nicht nachvollziehbare Modellentscheidungen das Ergebnis verfälschen.
Generische Cloud-KI ist hervorragend für Sprach- oder Wissensaufgaben geeignet. Aber im Engineering macht man sich mit externen, nicht beeinflussbaren Modellen abhängig von deren Roadmap, deren Prioritäten und deren Fehlerraten. Für sicherheitskritische Schritte ist das aus unserer Sicht keine tragfähige Basis.
Zur Hannover Messe gab es eine Ankündigung vom Mitbewerber Eplan zu KI-Unterstützung im Schaltschrankbau. Wie ordnen Sie das ein?
A. Zein: Wir beobachten das natürlich. Zum einen basiert das dortige Konzept auf einer Standard-KI-Infrastruktur von Microsoft/OpenAI. Das wirft grundlegende Fragen auf: Wo liegen die Daten? Wie stellt man sicher, dass normrelevante Regeln reproduzierbar eingehalten werden? Wie verhindert man Fehlinterpretationen eines Modells, das man weder besitzt noch kontrolliert?
Zum anderen war der präsentierte Use Case nach meinem Verständnis kein KI-Anwendungsfall. Das automatische Platzieren von Komponenten aus Excel-Listen ist eine Automatisierungsfunktion, die unsere Branche seit Jahrzehnten kennt. Das ist nützlich, aber keine künstliche Intelligenz. Der Markt erwartet echte KI-Methoden, die Arbeitsweisen im Engineering substanziell verändern. Genau daran arbeiten wir bei WSCAD.
Ihr eigenes Produkt ist aber produktiv im Einsatz?
A. Zein: Ja. Wir sind seit rund einem Jahr bei Kunden produktiv. Die Rückmeldungen sind sehr klar: Sie reduzieren ihre Engineering-Zeit; bei WAGO zum Beispiel um 50 %. Und das basiert noch auf unserer ersten KI-Generation – nicht auf der nun vorgestellten automatischen Schaltschrankplanung.
Der automatische Schaltschrank ist ein sichtbares Highlight. Aber der eigentliche Mehrwert entsteht durch die Vielzahl kleiner, intelligenter Automatisierungen im Alltag. Dort sparen die Kunden mit Hilfe der künstlichen Intelligenz in manchen Arbeitsschritten über 90 % Zeit ein.
Zum Beispiel?
A. Zein: Ein Großteil deutscher Maschinenbauer exportiert international. Schaltpläne müssen deshalb in viele Sprachen übersetzt werden. Bisher war das ein mehrtägiger, fehleranfälliger Prozess: copy/paste, Übersetzungsagentur, wieder copy/paste. Unsere Lösung übersetzt auf Knopfdruck in über 100 Sprachen – inklusive Fachterminologie aus dem CAD-System des Kunden. Das dauert etwa eine Minute und erfolgt kontextsensitiv im Projekt. Diese Funktion steigert die Produktivität sofort.
Kommt diese Übersetzung an die Qualität eines menschlichen Übersetzers heran?
A. Zein: Ja, weil wir zum Beispiel auch die Fachbegriffe berücksichtigen. Elektrotechnik lebt von Fachterminologie. In allen CAD-Systemen können Anwender ihre eigenen Lexika definieren.
Wenn sie in den angelsächsischen Raum liefern, haben sie die meisten Begriffe ohnehin bereits im System. Wir kombinieren das mit der KI-Übersetzung, das ist der erste Schritt. Im zweiten Schritt reichern wir das mit Fachbegriffen aus anderen Sprachen an. Für sehr seltene Sprachen stoßen aktuelle Modelle naturgemäß an Grenzen – für unsere relevanten Zielmärkte funktioniert es jedoch zuverlässig.
Ist diese Übersetzungs-KI die gleiche, die auch den Schaltschrank plant?
A. Zein: Nein. Wir trennen sehr klar nach Anwendungsfall. Die Übersetzung basiert auf Sprachmodellen und ist mit unseren Fachbegriffen ergänzt – das ist ein etablierter Ansatz. Der Schaltschrank-Agent hingegen ist ein proprietäres WSCAD-Modell, das hochpräzise und deterministisch arbeiten muss. Dort entsteht unser Wettbewerbsvorteil.
Sie haben den PDF-Import angesprochen. Was verbirgt sich dahinter?
A. Zein: Viele Schaltschrankbauer erhalten nur PDFs, nicht die Original-CAD-Daten. Diese PDFs müssen sie mühsam nachzeichnen. Das ist unsexy, aber aktuell alternativlos.
Unser KI-Modell analysiert das PDF, erkennt Symbole, Verbindungen, Komponenten, Daten und erzeugt daraus automatisch ein vollständiges WSCAD-Projekt. Das spart enorme Zeit und reduziert Fehlerquellen. Nebenbei hebt es auch die Laune der Mitarbeiter.
Läuft all das in der Cloud oder lokal beim Kunden?
A. Zein: Der Schaltschrank-Agent läuft vollständig lokal auf der Workstation des Kunden. Er lernt aus den Projekten des Kunden – und diese Daten bleiben auch beim Kunden. Für Engineering-Daten ist Cloud-Processing meist nicht akzeptabel. Für Textübersetzungen hingegen ist Cloud unkritisch. Deshalb nutzen wir dort ein hybrides Konzept.
Wann ist zweite Generation Ihrer KI-Funktionen verfügbar?
A. Zein: Die Auslieferung startet demnächst, es ist also eine echte SPS-Neuheit. Alles, was wir hier zeigen, läuft produktiv auf dem System. Die Software läuft erstaunlich stabil, was uns selbst sehr positiv stimmt. Bestehende Kunden bekommen die neuen Funktionen im Rahmen ihrer Miet- oder Wartungsverträge als Update.
Warum sind Sie aus Ihrer Sicht bislang der einzige Anbieter mit einem so weitgehenden KI-Schaltschrankbau?
A. Zein: Wir sehen diesbezüglich zwei Gründe: E-CAD ist eine sehr spezialisierte Branche, dominiert von wenigen europäischen Herstellern mit starken Legacy-Strukturen. Wir beobachten, dass Europa vorsichtiger mit KI umgeht als die USA. WSCAD aber war sehr früh dabei, weil wir an die Kraft der künstlichen Intelligenz glauben. Zweitens ist die KI-Entwicklung extrem dynamisch und erfordert viel Agilität. Große Unternehmen bewegen sich oft langsamer und behäbig. Deshalb ist es aus unserer Sicht kein Zufall, dass wir hier eine Vorreiterrolle einnehmen.
Wie stark verändert Ihre Lösung den Markt? Reden wir hier von einem Game Changer?
A. Zein: Ich glaube ja. Die Rolle des Konstrukteurs wird gestärkt. Die Verantwortlichkeit bleibt vollständig beim Menschen. Die KI übernimmt monotone, repetitive Schritte – der Konstrukteur trifft weiterhin die technischen Entscheidungen.
Ich vergleiche die neue Rolle des Konstrukteurs mit einem Dirigenten: Er orchestriert KI-Werkzeuge, steuert den Prozess und bewahrt den Überblick. Er kommt weg vom Ein-Mann-Orchester in dem er jede einzelne Taste drücken muss. Dadurch entstehen qualitativ bessere Ergebnisse in kürzerer Zeit. Bei uns tippen Sie im Chat „Stückliste erzeugen“ oder „mach mir den Klemmplan“, und die KI erledigt das. Die Bedienung ist so intuitiv, dass sie selbst für Einsteiger funktioniert. Die manuellen, repetitiven Schritte entfallen und wer die neue Arbeitsweise einmal erlebt hat, möchte nicht mehr zum alten Prozess zurück.
Die Kunden nutzen die freiwerdenden Kapazitäten, um mehr Projekte anzunehmen, um zu wachsen, nicht um Personal abzubauen.
Das Stichwort „Agentic AI“ fällt in diesem Zusammenhang oft. Arbeiten Sie in diese Richtung?
A. Zein: Ja, unser Schaltschrank-Agent ist im Grunde genau das: ein Agent, der einen klassischen Workflow eigenständig abarbeitet, basierend auf unseren eigenen Modellen.
Langfristig wird der Konstrukteur technische Anforderungen hochladen und der Agent erzeugt darauf basierend den Schaltplan – inklusive gezielter Klärungsfragen. Das wird die Arbeitsweise grundlegend verändern.
Sie vergleichen das gern mit der Automatisierung in der Fertigung. Was ist Ihre Lehre daraus?
A. Zein: Als vor Jahrzehnten z.B. die Fertigung in der Automobilbranche automatisiert wurde, hieß es auch: „es werden Jobs wegfallen.“ Passiert ist das Gegenteil: Man hat Teilprozesse automatisiert, den Output gesteigert, mehr Leute eingestellt und mehr Autos gebaut. In der Fertigung arbeitet heute kaum noch jemand mit dem Akkuschrauber von Hand. Das machen Roboter. Aber man braucht Menschen, die Roboter bedienen. Ähnlich wird es in der Elektrokonstruktion: die Jobs werden auf ein höheres Level transformiert.
In der Elektrokonstruktion wird niemand die 20 Klicks vermissen, um einen Klemmenplan oder eine Stückliste zu erstellen. Diese Tätigkeiten verlagern sich auf die KI, sind sofort erledigt, während der Mensch das System steuert. Und wenn die Produktivität steigt, sagt jeder Unternehmer: „Super, jetzt machen wir mehr Geschäft.“ Mehr Geschäft heißt immer mehr Beschäftigung, aber machmal in anderen Rollen.
Sie haben erwähnt, dass Sie die Schaltschrank-Automatisierung mit einem Kunden entwickelt haben. Wen genau?
A. Zein: Wir entwickeln die Automatisierung des Schaltschrankbaus unter anderem zusammen mit Baader Schaltschrankbau aus Augsburg – ein Unternehmen mit sehr heterogenen Kundenprojekten. Gerade dort entstehen extrem praxisnahe Anforderungen, zum Beispiel der PDF-zu-Schaltplan-Workflow. Diese kundenzentrierte Entwicklung erhöht die Relevanz unserer KI massiv.
Ihr System ist seit rund einem Jahr im Markt. Spüren Sie bereits Auswirkungen auf Marktanteile?
A. Zein: Wir erleben besonders in den USA einen deutlichen Schub: Wer KI im Engineering einsetzt, beschleunigt sein Geschäft unmittelbar. In Deutschland ist der Einstieg oft noch von Bedenken begleitet. Aber sobald Kunden eine Demo sehen und erkennen, wie viel Zeit sich einsparen lässt und wie einfach die Handhabung wird, kippt die Stimmung sehr schnell. Das Momentum wächst und wir sind technologisch sehr gut positioniert.
Hat sich die Stimmung seit der letzten SPS verändert?
A. Zein: Ja, spürbar. KI ist vom Randthema zum Mainstream geworden. Das hilft enorm: Wir müssen weniger Grundlagen erklären und können direkt über konkrete Prozesse sprechen. Die Branche merkt, dass unsere KI-Technologie praxistauglich ist und dass es sich lohnt, frühzeitig einzusteigen.



