Onlineartikel im Digital Engineering Magazin (April 2026)
Gastbeitrag von Christian Rathgeber, Team Lead Business Development WSCAD
KI in der Elektrokonstruktion
Vom Zeichner zum Systemarchitekten
CAD- und ECAD-Systeme waren lange Dokumentationstools. Heute wandelt sich ihre Rolle: KI-Systeme beeinflussen Entwicklung, analysieren Anforderungen und helfen Ingenieuren bei Routineentscheidungen.
Gerade in der Elektrokonstruktion zeigt sich dieser Wandel besonders deutlich. Projekte werden komplexer, Normen umfangreicher und Entwicklungszyklen kürzer. Gleichzeitig verschärft der Fachkräftemangel den Druck auf Konstruktionsteams. Vor diesem Hintergrund gewinnt künstliche Intelligenz (KI) nicht als Ersatz menschlicher Expertise an Bedeutung, sondern als strukturierende Assistenz im Engineering-Alltag.
Der digitale Zwilling des Schaltschranks stellt integrierte Elektro‑ und Fluidinformationen als gemeinsame Datenbasis bereit und unterstützt Ingenieure durch KI‑gestützte Analyse, Assistenzfunktionen, automatische Prüfungen und Optimierungen.
Klassische Engineering-Software ist in erster Linie dokumentationsgetrieben. Schaltpläne werden manuell aufgebaut, Betriebsmittel ausgewählt, Querverweise gepflegt und Stücklisten geprüft. Dieser Ansatz ist etabliert, aber zeitintensiv und anfällig für Inkonsistenzen – insbesondere bei Varianten.
KI erweitert dieses Modell um eine neue Ebene. Statt ausschließlich zu dokumentieren, wird vorhandenes Projektwissen systematisch ausgewertet und kontextbezogen nutzbar gemacht. Auf dieser Basis unterstützt die Software den Anwender bei der Strukturierung von Projekten, der Auswahl geeigneter Komponenten und der Umsetzung technischer Änderungen.
Ein zentrales Einsatzfeld KI-gestützter Assistenz liegt in der intelligenten Nutzung vorhandener Schaltplandaten. Ausgangspunkt sind bestehende, digital erstellte Stromlaufpläne, die alle relevanten Informationen zu Betriebsmitteln, Verbindungen und Funktionszusammenhängen enthalten.
Die KI analysiert diese Daten, erkennt Strukturen, Wiederholungen und logische Zusammenhänge und nutzt sie als Grundlage für nachgelagerte Engineering-Schritte. Dazu zählen unter anderem die Ableitung konsistenter Projektstrukturen, die Unterstützung bei Varianten sowie – insbesondere im Schaltschrankbau – die Generierung eines fertigungsgerechten Schaltschrankaufbaus auf Basis des vorhandenen Schaltplans. Entscheidend ist dabei weniger die reine Automatisierung als die reproduzierbare Anwendung bestehender Engineering-Logik.
KI-gestützte Systeme analysieren Projekte und erkennen Muster
Besonders deutlich wird der Nutzen KI-gestützter Assistenz im Schaltschrankbau. Hohe Variantenvielfalt, strenge Normanforderungen und enge Zeitfenster prägen den Alltag. Bereits kleinere Änderungen können weitreichende Anpassungen im gesamten Projekt nach sich ziehen.
KI-gestützte Systeme setzen genau an dieser Stelle an. Sie analysieren bestehende Projekte, erkennen Muster und unterstützen bei der Ableitung neuer Varianten. Statt jeden Schaltschrank von Grund auf neu zu konstruieren, lassen sich bewährte Strukturen gezielt weiterentwickeln. Änderungen werden konsistent umgesetzt, Querverweise automatisch angepasst und potenzielle Konflikte frühzeitig sichtbar gemacht.
Für Konstrukteure bedeutet das vor allem Entlastung. Weniger Zeit fließt in manuelle Pflege, mehr in funktionale Auslegung, Sicherheitskonzepte und Optimierung. Gleichzeitig steigt die Qualität der Dokumentation, da Normen und projektspezifische Vorgaben systematisch berücksichtigt werden.
Transparenz statt Black Box
Ein weiterer zentraler Aspekt für die Transparenz und Praxistauglichkeit KI-gestützter Engineering-Systeme ist die Einbindung unternehmensspezifischen Wissens. Anwender können eigene Dokumente wie kundenspezifische Lastenhefte, interne Konstruktionsrichtlinien, Normenauslegungen oder Herstellerfreigaben in den AI Copilot von WSCAD ELECTRIX AI importieren.
Dieses Wissen steht der KI projektübergreifend zur Verfügung und kann gezielt abgefragt werden – etwa bei Fragen zur zulässigen Auslegung, zur Auswahl freigegebener Komponenten oder zur korrekten Umsetzung kundenspezifischer Vorgaben. Die Antworten basieren dabei nicht auf allgemeinen Annahmen, sondern auf den konkret hinterlegten Dokumenten. Auf diese Weise wird Erfahrungswissen systematisch nutzbar gemacht, konsistent angewendet und unabhängig von einzelnen Personen verfügbar gehalten – bei klarer Kontrolle und Verantwortung durch den Ingenieur.
Integration in bestehende Prozesse
Der volle Mehrwert KI-gestützter Assistenz entsteht dann, wenn sie integraler Bestandteil der Engineering-Umgebung ist. Statt Insellösungen wird künstliche Intelligenz Teil des gewohnten Workflows. Sie analysiert Projektstrukturen, erkennt Abhängigkeiten und unterstützt kontextabhängig – insbesondere bei Änderungen oder Varianten bestehender Konzepte.
Ein weiterer praxisrelevanter Anwendungsfall ist die automatische Übersetzung von Engineering-Inhalten mit Hilfe von KI. Einzelne Texte oder vollständige Projektdokumentationen lassen sich direkt im System in beliebige Sprachen übertragen. Dabei werden gängige elektrotechnische Fachbegriffe ebenso berücksichtigt wie projektspezifische Bezeichnungen.
Gerade in international ausgerichteten Projekten reduziert dies den Aufwand für mehrsprachige Dokumentationen erheblich. Übersetzungen, die bislang externe Dienstleister erforderten und mit hohem Zeit- und Kostenaufwand verbunden waren, lassen sich so direkt im Engineering-Workflow erstellen, aktualisieren und konsistent halten.
Die neue Rolle des Ingenieurs
Mit dem Einzug von KI verschiebt sich auch das Rollenbild im Engineering. Der Fokus liegt weniger auf der manuellen Erstellung einzelner Pläne, sondern stärker auf Systemarchitektur, Plausibilisierung und Optimierung. Ingenieure entwickeln sich zunehmend zu Koordinatoren komplexer technischer Systeme.
Diese Entwicklung eröffnet auch strategische Perspektiven für Unternehmen. Reproduzierbare Qualität, kürzere Entwicklungszeiten und bessere Skalierbarkeit werden zu entscheidenden Wettbewerbsfaktoren – insbesondere in einem Umfeld steigender regulatorischer Anforderungen.
KI als integraler Bestandteil des Engineerings
KI im Engineering steht trotz rasanter Fortschritte noch am Anfang. Jedoch wird bereits heute deutlich, dass sich ihr Einsatz von punktuellen Experimenten hin zu produktiven, tief integrierten Assistenzfunktionen entwickelt. Insbesondere dort, wo KI direkt im Engineering-Workflow ansetzt, zeigt sich ihr Potenzial.
Die bisherigen Erfahrungen aus der praktischen Entwicklung und Anwendung KI-gestützter Funktionen in der Elektrokonstruktion zeigen, dass der größte Mehrwert dort entsteht, wo KI nicht als Zusatzwerkzeug, sondern als integraler Bestandteil des Engineering-Workflows konzipiert ist. Entscheidend ist dabei weniger ein maximaler Automatisierungsgrad als die gezielte Unterstützung des Anwenders. Dort, wo künstliche Intelligenz Routineaufgaben übernimmt und Wissen strukturiert verfügbar macht, entsteht Raum für das, was Engineering im Kern auszeichnet: Verantwortung, Analyse und Gestaltung.
Für Autor Christian Rathgeber entsteht der volle Mehrwert KI-gestützter Assistenz dann, wenn sie integraler Bestandteil der Engineering-Umgebung ist.
Dieser Fachartikel ist ausschließlich für Ihre persönliche Verwendung bestimmt. Ein Nachdruck oder Veröffentlichung bedarf ausdrücklichen schriftlichen Zustimmung des Verlags.




