Integration von KI in die Elektrokonstruktion – In 18 Monaten von der ersten Idee zur marktfähigen Lösung

Interview mit WSCAD CEO Dr. Axel Zein im Fachmagazin Schaltschrankbau (Ausgabe 2 / April 2026)
Autor: Jürgen Wirtz  (Chefredakteur SCHALTSCHRANKBAU / TeDo Verlag)

Die Integration von künstlicher Intelligenz verspricht auch auf dem Gebiet der Elektrokonstruktion deutliche Produktivitätssteigerungen. WSCAD war hier im Herbst 2024 Pionier bei der Vorstellung einer entsprechenden Software. Im Gespräch mit SCHALTSCHRANKBAU erläutert WSCAD-CEO Dr. Axel Zein u.a. den Weg dorthin und die Akzeptanz, auf die eine solche Lösung in Deutschland, aber auch international stößt.

Herr Dr. Zein, vor rund eineinhalb Jahren sind Sie mit der ersten Version Ihrer Software ELECTRIX AI auf den Markt gekommen. Im Bereich der Elektroplanung hat es damit relativ lange gedauert, bis künstliche Intelligenz eine Rolle spielte. Was war für WSCAD der Impetus, das Thema angehen?
A. Zein: Der entscheidende Impuls war die Diskrepanz zwischen steigender technischer Komplexität und der Art, wie Elektrokonstruktion vielerorts noch betrieben wird. Wir sehen seit Jahren mehr Normen, mehr Varianten, mehr Dokumentation – aber kaum strukturelle Entlastung für die Ingenieure. Gleichzeitig verschärft sich der Fachkräftemangel. Irgendwann wird klar: Mit reiner Prozessoptimierung kommt man nicht mehr weiter. KI ist für uns kein Selbstzweck, sondern ein Hebel, um Produktivität und Qualität im Engineering gleichzeitig zu erhöhen.

Wie sind Sie bei der Implementierung von KI in Ihre Software strategisch/organisatorisch vorgegangen, und wie lange hat es von der ersten Idee bis zu einer marktfähigen Lösung gedauert?
A. Zein: Wir haben sehr früh entschieden, KI nicht als Add-on zu behandeln, sondern als integralen Bestandteil unseres Engineering-Ansatzes. Das bedeutet: eigene Modelle dort, wo Regeln, Normen und Haftung eine Rolle spielen, und volle Kontrolle über die Ergebnisse. Von der ersten Idee bis zur marktfähigen Lösung vergingen rund 18 Monate. Ein großer Teil dieser Zeit floss nicht in Algorithmen, sondern in die Frage, wie KI verantwortungsvoll in reale Workflows eingebettet werden kann.

Gab es bei diesem Projekt irgendeine externe Unterstützung, etwa durch Wirtschaftsverbände oder andere Organisationen? Oder gibt es gar irgendeine Art der Innovationsförderung staatlicherseits?
A. Zein: Nein. Wir waren weltweit der erste E-CAD Anbieter der KI in die Software eingebaut hat. Die Entwicklung von ELECTRIX AI ist vollständig aus eigener Kraft entstanden. Die Förderung von KI-Projekten kam erst, als wir sie bereits umgesetzt hatten. Das mag nicht der bequemste Weg sein, hat uns aber die nötige Geschwindigkeit und Unabhängigkeit gegeben. Der wichtigste Treiber war nicht Förderung, sondern der enge Austausch mit Anwendern, die sehr klar formuliert haben, wo ihnen im Alltag Zeit, Qualität und Nerven verloren gehen.

Haben europäische Software-Anbieter im Vergleich zu ihren amerikanischen und asiatischen Marktbegleitern grundsätzlich höhere Hindernisse bei der Integration von künstlicher Intelligenz in ihre Tools zu überwinden? Etwa aufgrund strengerer Datenschutzregeln?
A. Zein: Europa ist zweifellos vorsichtiger – manchmal zu vorsichtig. Und deshalb sind die meisten europäischen Unternehmen bei KI im Hintertreffen. Gleichzeitig halte ich diese Skepsis im industriellen Umfeld manchmal für berechtigt. Engineering ist sicherheitsrelevant, haftungsrelevant und normengeprägt. Wer hier mit Black-Box-KI arbeitet, verspielt Vertrauen. Unser Ansatz ist: Tempo, volle Transparenz, Datenhoheit beim Kunden und KI dort, wo sie kontrollierbar ist.

Was zählte sonst zu Ihren größten Herausforderungen bei der Entwicklung einer gebrauchsfähigen Lösung?
A. Zein: Die größte Herausforderung war nicht die Technik, sondern die Anwendungsfälle und die Abgrenzung. Zu entscheiden, was KI tun darf und was bewusst beim Menschen bleiben muss. Engineering lebt von Erfahrung, Verantwortung und Kontext. KI muss diese Arbeit unterstützen, nicht ersetzen. Zudem ist eine saubere Datenbasis essenziell. Ohne strukturierte, konsistente Engineering-Daten bleibt jede KI Spielerei.

Was kann KI auf dem Gebiet der Elektroplanung derzeit für die Anwender leisten, und welche Potenziale sehen Sie für die Zukunft?
A. Zein: Heute liegt der größte Nutzen in der Automatisierung repetitiver Aufgaben, der Nutzung von vorhandenem Wissen und der Ableitung nachgelagerter Prozesse – etwa im Schaltschrankbau oder in der Dokumentation. Für die Zukunft sehe ich den größten Hebel in agentenbasierten Workflows: Der Ingenieur definiert Ziele und Randbedingungen, die KI arbeitet operative Schritte ab und stellt Rückfragen. Das verändert die Rolle des Konstrukteurs grundlegend – hin zum Steuernden und Bewertenden.

Wenn es um neue technologische Entwicklungen geht, gibt es gerade in Deutschland seitens der potenziellen Anwender traditionell gewisse Vorbehalte und Skepsis. Welche Erfahrungen haben Sie hinsichtlich der Akzeptanz Ihrer Software bei Ihren Kunden gemacht?
A. Zein: Skepsis ist da und manchmal ist sie nicht unbegründet. Viele haben erlebt, dass neue Technologien mehr versprechen als sie halten. Unsere Erfahrung ist: Sobald Anwender konkret sehen, wie KI im Alltag Zeit spart und zugleich die Kontrolle beim Menschen bleibt, kippt diese Skepsis sehr schnell. Der entscheidende Moment ist nicht die Theorie, sondern die erste praktische Anwendung.

WSCAD ist international mit eigenen Niederlassungen im Vereinigten Königreich und den USA, mit Partnern sogar nahezu weltweit aktiv. Stellen Sie regionale Unterschiede in der Akzeptanz von ELECTRIX AI fest?
A. Zein: Ja, deutlich. In den USA ist der Wille zur Produktivitätssteigerung sehr ausgeprägt – dort wird KI als strategisches Werkzeug verstanden. In Europa, insbesondere in Deutschland, dominieren Fragen nach Datensicherheit und Verlässlichkeit. Unsere Aufgabe ist es, beides zusammenzubringen: Geschwindigkeit und Innovation auf der einen, Vertrauen und Kontrolle auf der anderen Seite.

Was würden Sie als die USPs von WSCAD im Vergleich zu Ihren Marktbegleitern hervorheben?
A. Zein: Wir waren die weltweit ersten mit einer KI-gestützten Elektro-CAD-Software. Aber bei WSCAD entwickeln wir nicht einfach Elektro-CAD-Software – wir entwickeln eine KI-native Elektro-Engineering-Plattform. KI ist hier kein Feature, kein Chatbot, sondern das Betriebssystem für moderne Engineering-Workflows. Wir denken KI nicht isoliert, sondern auf Basis einer durchgängigen Datenbasis über mehrere Disziplinen hinweg. Zudem unterscheiden wir klar zwischen Bereichen, in denen generische KI sinnvoll ist, und solchen, in denen eigene Modelle notwendig sind. Diese Trennung ist aus meiner Sicht entscheidend, um KI im Engineering produktiv und verantwortungsvoll einzusetzen.

Was wünschen Sie sich von den politischen Entscheidungsträgern, um die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland wieder auf Touren zu bringen??
A. Zein: Wir brauchen mehr Mut zur Transformation. Weniger Detailregulierung, mehr Vertrauen in Unternehmen und vor allem brauchen wir schnelles Handeln. Technologie, Bildung und Fachkräfte müssen strategisch zusammengedacht werden. Wer Produktivität steigern will, muss Innovation ermöglichen, nicht verwalten.

Ein Feature unter vielen bei der Software ELECTRIX AI 2026 ist, dass sie die Dokumentation per KI in mehrere Sprachen übersetzen kann.

Heute liegt der größte Nutzen von KI in der Automatisierung repetitiver Aufgaben, der Nutzung von vorhandenem Wissen und der Ableitung nachgelagerter Prozesse – etwa im Schaltschrankbau oder in der Dokumentation.

Dr. Axel Zein, WSCAD

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