Fachartikel im konstruktionspraxis Magazin (Januar 2026)
Autor: Christian Rathgeber, Team Lead Business Development WSCAD
Zur SPS 2025 hat WSCAD gemeinsam mit Partnern den weltweit ersten KI-generierten Schaltschrank vorgestellt. Damit beginnt auch in der Elektroplanung eine neue Ära – traditionelle Prozesse werden smart transformiert und automatisiert. Dabei bleibt die Expertise des Elektrokonstrukteurs unverzichtbar.
Der Schaltschrankbau zählt zu den anspruchsvollsten Disziplinen der Elektrokonstruktion. Planung, Layout, Verdrahtung, Beschriftung und Dokumentation sind eng miteinander verknüpft. Hinzu kommt die Erstellung der Fertigungsdaten für die Herstellung der Drähte und Drahtsätze, der Montageplatten und Schrankgehäuse. Häufig werden diese Schritte in der Praxis jedoch in getrennten Arbeitsschritten bearbeitet.
Mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz entsteht erstmals die Möglichkeit, diese Schritte systematisch zu integrieren und auf Basis vorhandener digitaler Stromlaufpläne einen fertigungsgerechten Schaltschrankaufbau zu erzeugen. Die KI analysiert hierfür bestehende Schaltplandaten und nutzt sie als Grundlage, um nachgelagerte Planungsschritte zu automatisieren und miteinander zu verknüpfen.
Mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz entsteht erstmals die Möglichkeit, die Schaltschrankplanung systematisch zu automatisieren. Das bringt einige Vorteile.
Wie sieht die Schaltschrank-Planung mit KI aus?
Der Ausgangspunkt des KI-gestützten Workflows ist ein digitaler Stromlaufplan. Er zeigt die logische Struktur der Anlage und enthält alle Informationen zu Komponenten, elektrischen Verbindungen und Funktionszusammenhängen. Die KI analysiert diese Daten. Sie setzt die Informationen in Beziehung zueinander. Dabei werden nicht nur einzelne Bauteile betrachtet, sondern das Gesamtsystem.
Entscheidend ist, dass der Stromlaufplan stets der fachliche Ausgangspunkt bleibt. Die KI greift auf die darin enthaltenen Informationen zu Komponenten, Verbindungen und Funktionen zurück und nutzt diese, um den Schaltschrankaufbau abzuleiten. Der Mehrwert liegt in der strukturierten Überführung bestehender Engineering-Daten in ein konsistentes, fertigungsgerechtes Schaltschranklayout.
Parallel zur Layout-Generierung entsteht ein digitaler Zwilling des Schaltschranks. Er enthält alle relevanten geometrischen, funktionalen und dokumentarischen Informationen und dient als Datenbasis über den gesamten Lebenszyklus hinweg – von der Planung über die Fertigung bis zur Instandhaltung.
Der Mehrwert liegt in der strukturierten Überführung bestehender Engineering-Daten in ein konsistentes, fertigungsgerechtes Schaltschranklayout.
Christian Rathgeber
Wo kommt der Elektrokonstrukteur ins Spiel?
Auch bei einem hohen Automatisierungsgrad bleibt der Elektrokonstrukteur eine zentrale Instanz. Die KI übernimmt keine fachliche Verantwortung, sondern unterstützt bei der Umsetzung definierter Planungslogiken. Der Konstrukteur legt die Rahmenbedingungen fest, innerhalb derer die KI arbeitet, und überprüft die erzeugten Ergebnisse.
Besonders bei projektspezifischen Anforderungen, Sonderlösungen oder kundenspezifischen Standards bleibt menschliche Expertise unverzichtbar. Normative Vorgaben, betriebliche Richtlinien oder individuelle Präferenzen lassen sich nicht vollständig automatisieren. Der Elektrokonstrukteur prüft die von der KI generierten Vorschläge, nimmt gezielte Anpassungen vor und gibt die Planung final frei. Die Entscheidungen, Regeln und Standards werden im System gespeichert. Sie stehen der KI in zukünftigen Projekten zur Verfügung. So wird Erfahrungswissen reproduzierbar, konsistent angewendet und unabhängig von Einzelpersonen nutzbar gemacht.
Wie wird dank KI Wissen integriert und bewahrt?
Die Qualität einer KI-gestützten Planung hängt maßgeblich von der Integration unternehmerischen und kundenspezifischen Wissens ab. Anwender haben die Möglichkeit, eigene Dokumente wie Lastenhefte, interne Konstruktionsrichtlinien, Normenauslegungen oder Herstellerfreigaben in den KI-Copilot einzubinden. Diese Informationen stehen der KI projektübergreifend zur Verfügung und können gezielt abgefragt werden, beispielsweise bei Fragen zur zulässigen technischen Auslegung oder zur Auswahl freigegebener Komponenten.
Die Antworten der KI basieren ausschließlich auf diesen hinterlegten Dokumenten, was sicherstellt, dass Erfahrungswissen konsistent angewendet und dauerhaft im System verankert wird, während der Elektrokonstrukteur die fachliche Verantwortung behält.Diese Veränderung hat auch Auswirkungen auf die Unternehmenszusammenarbeit: Wissen wird weniger an Einzelpersonen gebunden, da Planungslogiken systematisch dokumentiert werden. Dennoch bleibt die Expertise erfahrener Konstrukteure ein entscheidender Faktor für die Qualität und Präzision der Planungsergebnisse.
Wo liegen die großen Vorteile von KI in der Elektroplanung?
- Vorteil – Geschwindigkeit
Planungsschritte, die bislang sequenziell und manuell erfolgten, lassen sich parallel und automatisiert durchführen. Das reduziert Durchlaufzeiten im Engineering erheblich.
Gleichzeitig steigt die Konsistenz der Planung. Da alle Informationen aus einem gemeinsamen digitalen Modell abgeleitet werden, sinkt die Fehleranfälligkeit. Inkonsistenzen zwischen Schaltplan, Layout, Verdrahtung und Beschriftung lassen sich systematisch vermeiden. - Vorteil – durchgängige Datenverfügbarkeit für nachgelagerte Prozesse
Materiallisten, Klemmenpläne, Verdrahtungsinformationen und Beschriftungsdaten entstehen direkt aus dem Engineering-Modell. Diese Daten können ohne manuelle Übertragung an Fertigungs- und Dokumentationsprozesse übergeben werden. Medienbrüche entfallen, Abstimmungsaufwände werden reduziert. - Vorteil – die automatische Übersetzung von Projektinhalten
Einzelne Texte oder vollständige Dokumentationen lassen sich direkt im System in beliebige Sprachen übertragen. Dabei werden elektrotechnische Fachbegriffe ebenso berücksichtigt wie projektspezifische Bezeichnungen. Gerade bei international eingesetzten Anlagen reduziert dies den Aufwand für mehrsprachige Dokumentationen erheblich. Übersetzungen, die bislang externe Dienstleister und hohen Abstimmungsaufwand erforderten, lassen sich so direkt im Engineering-Workflow erstellen, aktualisieren und konsistent halten. - Vorteil – KI begegnet Fachkräftemangel
Weniger erfahrene Anwender werden durch strukturierte Vorschläge unterstützt, während erfahrene Konstrukteure ihr Wissen skalierbar einbringen können. Die Qualität der Planung wird damit weniger abhängig von individuellen Ressourcen.
Dr. Axel Zein (CEO, WSCAD GmbH) und Christian Rathgeber (Team Lead Business Development, WSCAD GmbH) stellten auf der Fachmesse SPS 2025 den ersten KI-generierten Schaltschrank vor.
Wo stößt KI heute an ihre Grenzen?
- Trotz der Vorteile ist KI kein Ersatz für ingenieurtechnische Verantwortung. Die Qualität der Ergebnisse hängt maßgeblich von der Qualität der Eingangsdaten ab. Unvollständige oder inkonsistente Informationen wirken sich unmittelbar auf das Planungsergebnis aus. Eine saubere Datenbasis ist daher Voraussetzung für den erfolgreichen Einsatz.
- Darüber hinaus stößt KI dort an Grenzen, wo projektspezifische Entscheidungen, Sonderfälle oder normative Interpretationen gefragt sind. Normen lassen Spielräume zu, die eine fachliche Bewertung erfordern. Solche Entscheidungen lassen sich nicht vollständig automatisieren.
- Hinzu kommt, dass KI probabilistisch arbeitet. Sie erzeugt technisch plausible und konsistente Vorschläge, die jedoch stets überprüft werden müssen. Ohne klare Leitplanken, definierte Standards und verantwortliche Freigaben besteht die Gefahr, dass formal korrekte, aber praktisch nicht optimale Lösungen entstehen. In der Praxis zeigt sich daher, dass KI ihren größten Nutzen entfaltet, wenn sie in einen klar strukturierten Planungsprozess eingebettet ist. Sie unterstützt, beschleunigt und strukturiert – trifft jedoch keine eigenständigen Entscheidungen.
Wie verändert der KI-generierte Schaltschrank die Zukunft der Elektroplanung?
Den weltweit ersten KI-generierten Schaltschrank hat WSCAD auf der SPS 2025 in Zusammenarbeit mit Partnern gezeigt. Er markiert einen grundlegenden Wandel in der Elektroplanung. Künstliche Intelligenz ermöglicht es, komplexe Planungsprozesse zu integrieren, Daten konsistent nutzbar zu machen und den Elektrokonstrukteur gezielt zu entlasten. Gleichzeitig bleibt die fachliche Verantwortung klar beim Menschen. In der Kombination aus automatisierter Unterstützung und ingenieurtechnischer Expertise liegt das eigentliche Potenzial KI-gestützter Elektroplanung.
In der Kombination aus automatisierter Unterstützung und ingenieurtechnischer Expertise liegt das eigentliche Potenzial KI-gestützter Elektroplanung.
Christian Rathgeber
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